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10 Tage durch Albaniens Süden

Wir erreichen Vlora bei Sonnenaufgang und wenige Stunden später, nachdem wir die Grenzkontrolle mit einem Durchwinken bestanden und bei normalen Preisen vollgetankt haben, sitzen wir in einem Cafe an der Promenade. Zum Glück kann man hier mit Euros bezahlen und bekommt zu einem anständigen Wechselkurs albanische LEK zurück, denn bei den Gebühren hätten wir ungern bei der Bank Geld abgehoben. Vlore ist eine moderne und wirklich schöne Stadt. Auf den Straßen bummeln viele Menschen, es ist auch Wochenende und die Sonne scheint. Wir entscheiden uns, für die geplanten zwei Wochen in Albanien keine Simkarte zu kaufen und bleiben daher Großteils ohne Internet und Empfang zur Außenwelt. Bei einem kleinen Greissler kaufen wir Gemüse, Butter, Brot und alles, was wir die nächsten Tage brauchen ein, denn wir haben eine Vorahnung, wie es mit Lebensmittelläden aussieht, da wo wir hinfahren wollen. Wir freuen uns über frischen Schafkäse, der hier fast nichts kostet. An der Kassa wird alles in den Taschenrechner eingetippt und wir bezahlen ein paar hundert LEK für den Wocheneinkauf. Am Nachmittag fahren wir schon ein Stück Richtung Süden und bleiben bei einer Tankstelle stehen, um unsere Gasflaschen aufzufüllen. Nachdem der Preis ausgemacht und wir einen Adapter für unsere Flaschen dabei haben, tankt der nette Herr von der Tankstelle auf. Der korrekte Umrechnugskurs von Euro auf LEK scheint bei ihm aber noch nicht angekommen zu sein, also erklärt René es ihm in aller Ruhe. Schließlich sind wir zufrieden, einen günstigen Preis bekommen zu haben und er, dass wir ihm freundlich erklärt haben, nicht übers Ohr gehauen werden zu wollen.

Für heute wollen wir noch über den Pass und damit durch den Karaburun-Sazan Nationalpark, aber davor brauchen wir eine Abkühlung im Meer. Es ist erfrischend, wieder eine andere Landschaft zu sehen, vom türkisblauen Meer mit Palmenstrand sehen wir auf schneebedeckte Berge und Nadelwald.

 
 

Am Abend kommen wir auf der anderen Seite des Passes wieder zum Meer hinunter und sehen, was sich seit Renés letztem Besuch hier alles verändert hat. Eine neue Autobahn wird gebaut, um schneller in den Süden zu gelangen. Unten am Meer, da wo vor ein paar Jahren nur ein Fluss ins Meer floss, entsteht eine riesige Gated-Community, „Green Village“ nennt sich das Megaprojekt, die Bäumchen dafür sind schon neben den neuen Straßen angepflanzt. Im nächsten Ort parken wir vor einem noch geschlossenen Aparthotel direkt am Strand. Wir werden in der Dunkelheit von bellenden Straßenhunden empfangen und es ist uns sehr unheimlich, zu ihnen raus aufs Klo zu gehen. Später werden wir Zeugen eines Katzenmordes, die Hunde waren in der Überzahl und wir sind schockiert. In dieser Nacht hätten wir nie geglaubt, hier weitere drei Nächte zu bleiben und sogar fast einen von den Hunden zu adoptieren.

 
 

Am nächsten Morgen erwachen wir zu Sonnenschein und wir Frühstücken ausgiebig. Wir vertreiben uns den Tag am Meer mit Baden und Yoga. Das Meer schlägt große Wellen und ist glasklar. Es ist traumhaft schön hier. Unter Tags fahren ununterbrochen Baufahrzeuge bei uns vorbei. Alle Bauarbeiter grüßen uns freundlich. Ansonsten ist hier niemand. Weiter die Straße hinunter enstehen mehrere 5-Sterne-Luxushotels. Durch die entstehende Autobahn kann hier ein riesiges Tourismusgebiet entstehen, mit noch unberührten Stränden und unglaublich schönem Wasser. Am Nachmittag hält ein schwarzer Mercedes neben uns, er stellt sich als Bauherr von zwei der Luxushotels vor und bietet uns an, uns am Abend zum Bier einzuladen. Wir nehmen die Einladung an und währenddessen freunden wir uns mit den „wilden“ Straßenhunden an, die abwechselnd bei uns in der Sonne schlafen. Sie erhoffen sich wohl, dass wir unser Essen nicht aufessen können. Durch eine kurze Streicheleinheit ist jeder noch so scheue Straßenhund ein Kuscheltier. Wir fragen uns, ob die Hunde ihr freies Leben genießen oder ob sie gerne Menschen hätten, die mit ihnen an der Leine nach draußen gehen. Sie genießen es auf jeden Fall sehr hier, auch wenn es kaum Menschen gibt.


Am Abend kommt Bledi, der Bauherr mit mehreren Dosen Bier vorbei und wir sitzen lange draußen neben dem Meeresrauschen. Irgendwann, als der Mond hoch über uns steht, wird noch von irgendwo Raki in einer Plastikflasche geholt und die Nacht wird so lange, dass wir am nächsten Tag nur den Weg ins Meer und zurück zum Bus schaffen. Bledi kommt uns jetzt jeden Tag besuchen, er bringt Brot und albanisches Bier und sitzt mal länger und mal kürzer bei uns. Eigentlich muss er sich ja um seine albanischen und türkischen Arbeiter und die beiden Megabaustellen kümmern. Er erzählt uns viel, mit Händen und Füßen verstehen wir uns gut. In zwei Jahren wird dieser Strandabschnitt komplett anders aussehen, für Campingplätze und einfache Herbergen wird kein Platz mehr sein, dafür ein Luxushotel ums nächste und der Parkplatz, auf dem wir stehen wird eine gepflasterte Strandpromenade nur für Fußgänger*innen. Die Autos müssen dann von oben zufahren und in einem riesigen Parkhaus parken. Was dann wohl aus den Straßenhunden wird?

Einer von den Straßenhunden bewacht in der Nacht und wenn wir nicht beim Bus sind, unser Auto, auch wenn es wenig zu bewachen gibt (Katzen, vorbeifahrende Baufahrzeuge). Am nächsten Tag nimmt uns Bledi mit zu der Baustelle, dort war einst auch ein Park4Night-Parkplatz direkt am Strand. Die Fotos des entstehenden Hotels und die Rohbauten schauen sehr imposant aus, wir fragen uns, wer sich das wohl leisten kann. Wir werden hier nicht mehr herkommen können. Wir folgen Bledi durch ein natürliches Felsentor zu einem einsamen Strandabschnitt, der laut ihm ein Naturdenkmal ist. Im nächsten Satz erwähnt er „Premiumhome“ und deutet auf die Felsen über uns. Es ist wirklich schön hier, wir kommen uns vor, wie im Paradies. Zu Sonnenuntergang kommen wir nochmal hierher, um diesen Platz zu zweit zu genießen und Acro Yoga zu machen.

 
 

Am nächsten Tag regnet es und nachdem wir den Tag fürs Schreiben, Sortieren und Aufräumen genutzt haben, verlassen wir unser Paradies. Den Straßenhund lassen wir mit einem weinenden und einem lachenden Auge zurück, er ist glücklich da.

Uns treibt es wieder an die Felswand, es soll nicht weit von da einen wunderschönen Canyon geben, wo mit Aussicht aufs Meer geklettert wird. Die Straße zum Parkplatz ist auch hier wieder schöner, als erwartet, unser Navi traut uns sogar zu, die „Straße“ bis zum Strand runter zu fahren. Nach kurzer Besichtigung der ersten paar Meter entscheiden wir, dass das nicht als Straße bezeichnet werden darf und bleiben oben am Parkplatz stehen. Dort treffen wir ein Pärchen aus Norwegen, die am nächsten Tag ebenfalls klettern wollen.

Der Abstieg in den Canyon dauert nur etwa 15min und nicht wie im Internet angegebene 45min. Unten wirkt es wirklich paradiesisch, hellblaues Meer trifft auf feinen Kiesstrand, dahinter befinden sich zwischen den steilen Wänden des Canyons Blumenwiese und Bäume, sowie ein klarer Fluss. Es gibt hier herunten sogar einen Campingplatz mit Toiletten und Duschen, man kann hier gratis campen, wie uns ein Mitarbeiter erzählt. Im Sommer fährt er 4x am Tag die „Straße“ nach oben, um Tourist*innen und ihr Gepäck nach unten zu transportieren.

 
 

Nach einem schönen Klettertag auf Gjipe Beach regnet es und wir entscheiden uns, weiterzufahren. Unsere Vorahnung sollte Recht behalten und es gibt kaum Supermärkte, diejenigen, welche wir anfahren sind viel zu teuer und die letzte Gemüselieferung ist ca. drei Wochen her. Es ist anstrengend, wegen jedem Ding bei der Kassa nach dem Preis fragen zu müssen, weil die Preise nicht ausgeschrieben sind. Zusätzlich hat man das Gefühl, einen „Touristenpreis“ zu zahlen, weil alles nur auf dem Taschenrechner eingetippt wird, Rechnung bekommt man sowieso keine.

Wir wollen das norwegische Paar im Norden, bei den heißen Quellen von Permet wieder treffen. Am Weg dorthin entscheiden wir uns, eine neue Straße zu fahren, die noch nicht auf diversen Navigationsapps verzeichnet ist, weil sie erst vor kurzem fertiggestellt wurde. Bledi hat uns von dieser Straße erzählt und wir vertrauen ihm, es wären auch ca 50km weniger Umweg. Die neue Straße leitet uns bis auf knappe 1000hm durch die Berglandschaft von Albanien. Oft liegen größere Steinbrocken auf der Straße, weil die Absicherung der steilen Seitenwände noch nicht abgeschlossen wurde und der Fels hier sehr porös ist. Vor kurzem waren hier überall schmale Schotterstraßen und die kleinen Dörfer nur mit Allrad erreichbar. Auf der Straße ist wenig los, ein paar Einheimische nutzen sie. Am Pass bleiben wir für eine Nacht stehen, weil wir eine Bergtour planen. In dieser Nacht bekommt es nochmal unter Null Grad, die Berggipfel um uns herum sind alle voller Schnee. Wir erkunden die alten Bergstollen und Wasserleitungen.

 
 

Am nächsten Tag steigen wir über einen Ziegenweg durchs Gestrüpp bis zum schneefreien Vorgipfel des „Maja Mureve“ auf. Dort oben bläst eisiger Wind und der Blick auf die gegenüberliegenden Schneehänge lässt uns von einsamen Schiabfahrten träumen.

 
 

Am frühen Nachmittag fahren wir weiter und sind erstaunt von der Szenerie dieser Straße, wir fahren durch hohe Canyons, sehen Wasserfälle, extrem klare Flüsse, welche die Vjosa speisen und kleine Dörfer. An unmöglichen Stellen in den steilen Wänden des Canyons befinden sich Schaf- und Ziegenfarmen. Einige Bäume blühen hier gerade und wir bleiben viel zu oft stehen, um die Landschaft zu bestaunen. Gegen Abend erreichen wir Tepelene und kaufen endlich wieder frisches Gemüse, Brot und sonstige Lebensmittel ein. Überall muss man bar zahlen, auf Euro bekommt man nur LEK heraus, das nervt mittlerweile. Immerhin sind die Menschen sehr nett und ihr Lächeln macht jede Sprachbarriere wett.

 
 

Wir fahren weiter den Fluss Vjosa hinauf, welcher seit einigen Wochen Nationalpark ist. Vor Permet finden wir einen Platz direkt neben dem Fluss, wo wir ein paar Tage verbringen. Die Vjosa ist eisigkalt und trüb, an den Ufern hängt überall Müll. Unweit von uns befindet sich direkt neben dem Fluss ein Betonmischwerk, die weiteren Straßen und Ortschaften befinden sich gleich neben dem Fluss. Wir haben was anderes von diesem Nationalpark erwartet und fragen uns, was dieses Label bringt. Es sieht so aus, als wären beim letzten Hochwasser mehrere riesige Mülldeponien mitgeschwemmt worden, welche nun ungehindert ins Meer fließen können.

Das norwegische Paar berichtet uns von den eher kühlen und extrem überlaufenen „heißen“ Quellen, wir entscheiden am nächsten Tag, wenn es weniger regnen soll, dorthin zu fahren. Von einer deutschen Touristin, welche ebenfalls mit Camper und Hund unterwegs ist, erfahren wir, dass die Grenze, welche sich weiter die Straße hinauf befindet, heute gesperrt ist und sie wieder zurückgeschickt wurde. Wir haben fast keine LEK mehr, wir befinden uns in einem „Nationalpark“, der unserer Meinung nach keiner ist und das Wetter spielt seit Tagen nur mehr Regen.

 
 

Bis Permet fahren wir noch, dort entscheiden wir, die kühlen Quellen nicht sehen zu müssen und über Gjirokaster nach Griechenland zu fahren. Wir versuchen dort noch ein letztes Mal, ein Restaurant vor der Grenze anzupeilen, jedoch ist die Kartenzahlung in weiten Teilen Albaniens noch nicht angekommen. Mit den letzten LEK kaufen wir uns ein großes Stück Schafskäse und erreichen die Grenze am Nachmittag. In Griechenland tanken wir den Bus gleich mal voll, was seit dem Beginn unserer Reise noch nie so billig war, außerdem ist es kein Problem, mit Karte zu zahlen. Am Abend sind wir in Ioannina und wir gönnen uns einen Gyros, wir denken an Albanien zurück und sind froh, jetzt schon in Griechenland zu sein.


 

Etappe 4: 358km



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