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Georgischer Chacha

Aktualisiert: 19. Okt. 2023

“Someone who needs a veil, an object, even one made of silk, between themselves and the world is afraid of life. They’re afraid to experience things, to really feel them. And I think life is far too short and far too wonderful not to really look at it, not to really grab it, not to really live it.” -Nino Haratischwili, Das achte Leben (Für Brilka)

Georgien eilt sein Ruf voraus. Das schönste Land der Welt soll es sein, mit einer Geschichte, die bis zu den Göttern zurückreicht. Mit unzähligen Wasserfällen, Gletschern, grünen Tälern und hohen Bergen. Wir freuen uns schon so lange auf dieses Land und es empfängt uns zuerst mit unglaublicher Hitze. Die türkisch-georgische Grenze ist an diesem Augustnachmittag sehr belebt, die LKW’s haben mehrere Kilometer nach hinten gestaut und wir sind ziemlich flott an ihnen vorbeigezogen. Vanessa muss an der Grenze den überfüllten Passagierweg nehmen und René fährt mit dem Bus drüber. Einer der georgischen Polizisten sieht sich den Innenraum des Busses an und fragt, was in der „Gitarrentasche“ ist. Mit ernster Mine will er, dass René die Gitarre auspackt – daraufhin legt der Grenzpolizist ein kleines Privatkonzert hin. Nach der Kontrolle treffen wir uns wieder auf der georgischen Seite.

In der Türkei war die Autobahn direkt neben dem schwarzen Meer gebaut, was eine Badekultur fast unmöglich machte, aber hier in Georgien gibt es wieder lange Kiesstrände. Wir fahren weiter und finden einen Parkplatz am Strand. Wir springen zum ersten Mal ins schwarze Meer und genießen das warme Wasser und, wieder in einem neuen Land zu sein. Unweit nach der Grenze gibt es auch wieder überall gezapftes Bier. Seit langer Zeit genießen wir also in einer Strandbar wieder ein kühles Bier aus dem Zapfhahn.

 
 

Das führt dazu, dass wir an diesem Tag auf dem Lkw-Parkplatz neben den Kletterwänden, kurz vor Batumi, die Nacht verbringen. Am nächsten Tag haben wir nach dem Klettern und Baden einiges vor. Wir wollen in Batumi Simkarten besorgen und Geld abheben, was fast den ganzen Tag in Anspruch nimmt. In einigen Tagen besucht uns Renés Mama für zwei Wochen und eine Woche später stößt Michael dazu, weshalb wir ein paar Unterkünfte gebucht haben. Von einer Unterkunft in Batumi haben wir keine Infos erhalten und sind etwas skeptisch. Da wir in der Nähe sind, statten wir der Unterkunft einen Besuch ab. Es stellt sich heraus, dass dieses Haus gar nicht existiert und wir stornieren es sofort. Wir machen uns in Batumi auf die Suche nach einer Alternative und werden schnell fündig. Bei Sonnenuntergang fahren wir die einzige Straße Richtung Norden aus der Stadt raus, die es gibt, weswegen diese Fahrt ein paar Stunden länger dauert als gedacht. Dafür wachen wir am nächsten Morgen auf einem abgelegenen Strand auf und verbringen dort einen gemütlichen Badetag. Am Nachmittag machen wir uns auf den Weg nach Kutaisi. Es wird gerade die erste und einzige Autobahn gebaut, die teilweise schon fertig ist, sich teilweise noch in Bau befindet, weswegen man viel durch Dörfer mit unzähligen Bodenschwellen fährt. Schnell wird uns klar, hier wohnen tatsächlich die freisten Kühe der Welt. Ihre endlosen saftigen Weideflächen haben keine Zäune und sie machen auch vor Straßen keinen Halt. Anscheinend steht es sich auf Asphalt besser herum als auf einer feuchten Wiese. Am Weg nach Kutaisi fragen wir uns, ob es viele verkehrstote Kühe gibt. Die Überholmanöver der georgischen Autofahrer*innen sind waghalsig und einige Kühe schauen dem Tod gelassen ins Auge. Es geht zum Glück immer gut, auch wir sind nach ein paar Stunden an die (georgischen) Verkehrsteilnehmer*innen gewöhnt und weichen wie selbstverständlich jeder müden Kuh, Schweinen, Pferden und Hunden aus. Erst einige Tage später erfahren wir von einem Taxifahrer, dass die Kühe es mögen, wenn Autos möglichst nahe an ihnen vorbeifahren und so die Fliegen aufscheuchen. Er demonstriert uns das und wir hören den Schwanz der Kuh gegen die Seitentür schlagen. Das war vielleicht zu nahe.

Außerhalb von Kutaisi, in dem Ort Vani, parken wir mitten in der Natur bei natürlichen heißen Schwefelquellen.

 
 

Als wir dort ankommen, ist die Sonne gerade am Untergehen und die Becken sind gut mit Einheimischen gefüllt. Als am Abend alle verschwunden und die Temperaturen nicht mehr ganz so unerträglich heiß sind, wagen wir uns in die heißen Becken. Die Lufttemperatur ist noch so warm, dass die 40 Grad des Wassers sogar in der Nacht zu heiß sind. Probieren müssen wir es trotzdem kurz, weswegen alles im Bus, womit wir in Berührung kommen, noch Wochen nachher nach Schwefel stinkt.

In Kutaisi treffen wir Bea und Andi und verbringen einen sehr heißen, aber aufregenden Tag in der Stadt. Wir machen echtes Sightseeing, erkunden schöne Plätze und wollen uns am Abend im Fluss abkühlen. Wie es oft so ist, ist das andere Ufer schöner und so transportieren wir schwimmend unsere Einkäufe und Kleidung auf die andere Seite des Flusses. Am Abend gibt es in dem Hostel, wo die zwei untergebracht sind, eine Grillerei, wo wir uns wieder wie ganz normale Reisende vorkommen.

 
 

Mit den anderen Leuten im Hostel haben wir nette Gespräche und tauschen Erfahrungen und Tipps für die Stadt aus.

Am nächsten Tag gibt es wieder besonderen Besuch, Renés Mama Gerti wird uns für zwei Wochen begleiten. Die ersten Tage verbringen wir in Kutaisi und holen bei leckerem georgischem Essen alle Gespräche der letzten sieben Monate nach. Wir genießen die Möglichkeit, unsere Elke beim Hotel stehen zu lassen und mit Taxis, die hier wirklich leistbar sind, zu den umliegenden Sehenswürdigkeiten gebracht zu werden. So erkunden wir die Prometheus-Höhle, die Klöster Gelati und Motsameta, die Kathedrale von Kutaisi mit den seit hunderten von Jahren eingegrabenen Tonkrügen für die Weinerzeugung und die schönen Gondeln, welche uns zu dem Freizeitpark am Berg bringen.

 
 

Natürlich nicht, ohne die vielen traditionellen Restaurants und kulinarischen Schmankerln zu probieren! Wir probieren uns durch Kajapuri (Käsepizza), Kinkali (gefüllte Teigtaschen mit Verschiertem, Pilzen oder Kartoffeln), Melanzani mit Walnusspaste und viel Gegrilltes. Wir lernen auch georgische Essgewohnheiten kennen und lernen, nie hungrig in einem Lokal einzutreffen. Das Essen dauert mindestens eine Stunde, wird ja auch alles immer frisch gekocht und alles wird gleichzeitig serviert. Das heißt, dass die Limonaden und das Bier ebenfalls nach einer guten Stunde mit dem Essen zum Tisch gebracht wird. Natürlich nur, wenn die äußerst vergesslichen Kellner*innen am Weg zur Küche niemanden treffen und so die Bestellungen einfach wieder vergessen. Das klingt jetzt sehr nach einem Vorurteil, aber glaubt uns: wir haben viele Restaurants in allen Preisklassen und vielen verschiedenen ländlichen und urbanen Regionen getestet, mit anderen Reisenden und Georgier*innen darüber gesprochen, die Vergesslichkeit und Langsamkeit zieht sich durch und gehört einfach zur georgischen Mentalität dazu. Georgier*innen sind aber auch sehr künstlerisch begabt und so ist es keine Seltenheit, während der Wartezeit im Restaurant von anderen Gästen mit einem schön gesungenen Lied oder Gedicht unterhalten zu werden.

Es fühlt sich gut an, mal „normale“ Tourist*innen zu sein, sonst geben wir fast nie Geld für Touristenattraktionen (und selten für Restaurants) aus, aber wenn wir schon mal eingeladen werden, genießen wir es auch sehr.

 
 

Dann geht es für uns weiter zu einem Weingut in Shazano, nicht weit vor Chiatura. Wir bekommen traditionell in vergrabenen Tonkrügen hergestellten Wein serviert und dürfen alle Weine von weiß bis dunkelrot, sauer bis süß, mild bis hochprozentig probieren. Von dort aus besichtigen wir das auf einem 40 Meter hohen Felsen stehende, bewohnte Kloster Katskhi. Eine sehr steile Straße würde zu einem näheren Parkplatz führen, doch wir sind uns sicher, dass wir die 38% Steigung bergauf sicher nicht zurückschaffen würden.

 
 

Das Schild behauptet zwar, dass es sich um "nur" 12% handelt, aber es dürfen nach EU-Norm nur maximal 12% steile Straßen gebaut und beschildert werden. Von da an schauen wir immer zweimal, ob wir eine Straße mit einem solchen 12% Schild fahren können, oder doch lieber umdrehen. Generell wird in Georgien lieber auf den Bau eines Tunnels oder einer Brücke verzichtet, sondern beim Asphaltieren oder Betonieren der Straßen die hügelige Landschaft maximal ausgenützt.

Auch fahren wir in die ehemalige Bergbaustadt Chiatura. Dort sind Lifte und Gondeln normale öffentliche Verkehrsmittel und bringen die Menschen schneller von ihren zu Hause zur Arbeit in den Bergen oder auf die andere Talseite. Hier wird noch immer Manganerz unter Tag abgebaut. In Chiatura gibt es keine Restaurants, so wie wir sie kennen. Einige Einheimische bieten an, gegen etwas Geld bei ihnen zu Hause zu essen. Die Speisen werden von der Hausherrin, mit der Unterstützung der Tochter frisch zu zubereitet. Der Wein wird vom Hausherrn auf traditionelle Weise im Garten hergestellt und serviert. Nino, die Tochter, hat in Tiblisi Tourismus studiert und die Familie wollte probieren, wie gut ihr Familienrestaurant ankommt. Jetzt ist Nino und ihr Ehemann fast nur noch bei ihren Eltern in Chiatura, weil sich die gute Küche ihrer Mutter im und außerhalb des Internets herumgesprochen hat.

 
 

Auch wir schicken alle, die uns nach einer Empfehlung fragen, in deren Wohnzimmer. Ein paar Wochen später besuchen wir Nino und ihre Familie nochmal mit einem Pärchen aus Österreich, das wir zufällig beim Klettern getroffen haben. Am nächsten Tag fahren wir ein Tal weiter, nach Sveri, zum Klettern. Die Temperaturen sind auch am Abend noch sehr warm und schwül und so sind wir froh, erst später hier anzukommen. Gerti probiert hier zum ersten Mal, zu klettern. Nachher packt uns der Hunger und wir bleiben im Dunklen bei einem Platz mit Aussicht stehen und kochen dann im Bus Spaghetti. Auf unserem Platz werden wir auch von ein paar georgischen Männern zu Bier und Chacha eingeladen.

Nach einer Woche holen wir Michi vom Flughafen in Kutaisi ab und fahren diesmal Richtung Schwarzmeerküste. Zwei Tage verbringen wir im belebten Batumi, faulenzen tagsüber am Strand und genießen das Nachtleben an der Promenade. Dann geht es für uns vier hinauf in die nebeligen Hügel hinter Batumi, dem Beginn des kleinen Kaukasus. Nach etlichen Höhenmetern erreichen wir unsere Residenz für die nächsten Tage, wieder ein Weingut. Hier bekommen wir gleich als Begrüßung den stärksten Chacha, den wir bis dahin probiert haben. Der 80%ige Tresterbrand brennt noch lange nach.

 
 

In dieser Region, Adjarien, wird auch viel traditioneller Wein produziert und das Kajapuri als offenes Käseschiff mit einem rohen Ei gegessen. Es gibt einen Pool und Sauna und alles wird frisch gekocht, so lässt es sich leben. Natürlich juckt es uns auch hier in den Füßen und wir wandern von unserem Bergdorf in den nächsten Ort, um mit einer Maschrutka (öffentlicher Bus) zum Makhuntseti-Wasserfall und der Makhuntseti- Stein- Brücke zu fahren. Wir sind überwältigt vom hohen Tourist*innenaufkommen an diesem Ort und suchen uns einen ruhigeren Ort am Fluss, um den kühlen Fluss und Bier zu genießen.

 
 

Am nächsten Tag ist eine Winzertour in dem Weindorf Vaio angesagt. Wir probieren uns durch Weine, die wie Essig oder nach Honig schmecken, den besten Cognac der Welt und natürlich Chacha, den hier jeder Haushalt selbst macht, das gehört ja auch zum guten Ton. Überall wird uns selbstgemachter Sulguni-Käse, frische Gurken und Tomaten und alles, was der Kühlschrank so hergibt, angeboten. Wir werden von einer älteren Frau in ihren Garten gewunken und sie lässt uns ihren Chacha und die Hühnerkeulen von gestern verkosten. Die Tour beenden wir mit einem üppigen Essen und der Gastgeber gibt voller Freunde den georgischen Tamar (Trinkspruch über Krieg und Frieden) wieder, nach welchem er mit einer Person aus der Runde ein Glas Wein austrinken muss. Hier wird so viel zu Essen aufgetischt, dass wir unmöglich auch nur die Hälfte essen können, ganz nach georgischer Tradition.

 
 

Die zwei Wochen vergehen schneller als gedacht und den Nachmittag vor dem frühen Abflug verbringen wir mit einer Bootstour durch den Kolkheti-Nationalpark. Bei einem Picknickplatz in der Mitte des Nationalparks holt unser Bootslenker eine Plastikflasche mit Chacha heraus, welchen er uns anbietet. Wir lehnen dankend ab und er trinkt allein. Am Abend baden wir nochmal im warmen schwarzen Meer bei Poti, da wo schwarzer magnetischer Sand am Strand ist.

 
 

Der Stress um das frühe Aufstehen und Tickets besorgen lässt diesen Abschied am frühen Morgen schnell und fast ohne Tränen über die Bühne laufen. Wir winken dem Flugzeug noch nach und freuen uns auch wieder, zu zweit Abenteuer zu erleben, in Elke zu schlafen und tun und nichttun zu können, worauf wir gerade Lust haben. Fürs erste heißt das mal, viele Stunden Schlaf nachzuholen, bevor es für uns endlich zu den richtig hohen Bergen Swanetiens im großen Kaukasus geht.

Am Weg dorthin halten wir in der letzten größeren Stadt, um einen Ölwechsel machen zu lassen. Kaum zu glauben, dass wir bis hierher schon 10.000 Kilometer gefahren sind, das sind schon zwei Drittel vom Weg nach Indien! Nachdem wir unseren Dachträger abgeräumt haben, passen wir in die Werkstatt und alles wird schnell erledigt. Die gegenüberliegende Waschanlage wird noch früh eine Grundreinigung genützt und wir fahren weiter Richtung Berge.

 
 

Die Strecke ist sehr lange und wir stoppen am Beginn des Tals beim Enguri Staudamm. Er ist mit 728m Breite und 271,5m Höhe einer der höchsten Bogenstaudämme, sowie die dritthöchste Talsperre der Welt und produziert den größten Teil des georgischen Stroms. In der Früh fahren wir weiter nach Mestia und zu unserem Übernachtungsplatz der nächsten Wochen. Die Straße ist sehr abenteuerlich, immer wieder sind Stücke weggerutscht.

Wir lernen hier am Parkplatz in der Nähe von Mestia weitere Reisende kennen, welche uns über ihre Erfahrungen im Iran, Pakistan, Indien und einiger weiterer Länder erzählen, wir kochen am Abend gemeinsam und werden unseren Chacha los. Die nächsten Tage ist stabiles schönes Wetter vorhergesagt und wir starten gegen Nachmittag unsere Wanderung nach Ushguli. Die Wanderung war ein voller Erfolg und wir kommen etwas müde zum Bus zurück. Wir klettern an einem schönen Nachmittag bei den Felsen in der Nähe des Chaladi-Gletschers.

 
 

Beim Kletterspot ist eine Wasserquelle, die Qualität des Wassers lässt jedoch auch hier zu wünschen übrig. Wir vertragen das georgische Wasser nicht und kaufen deshalb immer wieder mal Trinkwasser im Supermarkt. Das kann an den vielen freien Nutztieren liegen, die Wasserquellen verunreinigen. Oft wird eine Quelle nicht „angestochen“, sondern einfach ein Schlauch in den Fluss gelegt. Es kann natürlich auch an der georgischen Tradition, Müll zu entsorgen, liegen. Oft sehen wir Autos, die mit dem Kofferraum nahe zu Klippen parken und alles hinten rausfliegen, was sich in einem Monat so ansammelt. Viele Bergdörfer im großen Kaukasus haben auch keinen Anschluss an das Kanalsystem und von den Löchern in den Toiletten sieht man darunter den Bach vorbeifließen.

Nach einer schönen Zeit hier verabschieden wir uns und fahren in das nächste Tal, nach Mazeri. Dieses begeistert durch den unglaublichen Blick auf den Berg Ushba, Wasserfälle und verlassene Dörfer.

 
 

Nach den Wanderungen packt uns die Kletterlust wieder und wir fahren in die Klettergebiete Katskhi und Chiatura. Das Wetter ist jetzt wechselhafter und etwas kühler. Der Kletterspot ist jedoch regensicher und die nächsten Tage gibt es auch wieder mehr Sonne. Am Weg zur Quelle beim Kloster, wo wir in unserer Zeit dort öfter Wasser holen, nickt uns der alte Mönch immer bejahend zu. An einem Tag erkunden wir die alte Bergbaustadt Chiatura. Wir testen eine Fahrt mit der Seilbahn, die als öffentliches Verkehrsmittel genutzt wird. Eine Fahrt kostet 50 Tetri, was umgerechnet ca. 20 Cent sind. Mit den Rädern fahren wir an den Stadtrand und sehen uns ein Nonnenkloster an, welches in die Felswand gebaut wurde. Unser Übernachtungsplatz befindet sich mit Blick über die Stadt.

 
 

Nach einiger Zeit, die wir im Westen Georgiens verbringen (müssen), holen wir endlich unseren soweit letzten Besucher am Flughafen Kutaisi ab. Der Flug ist pünktlich und wir machen uns mit unserem Freund Max auf den Weg nach Osten. Am Weg nach Katskhi, in einer steilen Kurve schreit uns ein Georgier an: „Michael, Michael“. Wir sind sehr verwundert, nehmen den Typen dann aber im Bus mit. Es stellt sich heraus, dass ein französischer Radfahrer genauso aussieht wie René und bei dem Mann mal im Garten übernachtet hat. Bei seinem Haus bekommen wir von ihm, seiner Frau und seiner Tochter Tee und Kekse serviert und er zeigt uns ein Foto von Michael, der wie jeder Mann mit Vollbart aussieht. Wir führen interessante Gespräche mithilfe des Google Übersetzers und fahren etwas später weiter. Gegen frühen Abend erreichen wir wieder den Ort Katskhi und legen bei den letzten Sonnenstrahlen noch eine kurze Klettersession ein, die mit Stirnlampen endet. Wir fahren am nächsten Tag noch kurz zur Biertankstelle, um uns Bier sehr billig und frisch in Plastikflaschen abfüllen zu lassen. Diese kleinen Shops gibt es an den abgelegensten Orten und werden mit der infrastrukturiellen Wichtigkeit von Tankstellen angesehen. Meistens gibt es dort nur Bier und lokale Snacks wie Räucherfisch oder Fruchtleder.

Nach vielen gefahrenen Kilometern kommen wir spät am Abend bei unserem nächsten Spot am Fluss an. In der Nähe soll sich eine antike Steinstadt befinden. Wir wachen wieder zu einer traumhaften Kulisse auf, die Landschaft hat sich in den letzten Kilometern wieder vollkommen verändert. Wir befinden uns nun in einer trockenen, wüstenähnlichen Gegend. Wir machen uns am Weg zu der Steinstadt Uplisziche und erkunden die alte Stadt an der Seidenstraße auf abenteuerliche Weise. Wir kraxeln ausgewaschene Sandsteinrinnen in das Innere der bronzezeitlichen Stadt, die einst mal 5000 Einwohner*innen hatte.

 
 

Dann kaufen wir noch Vorräte in Gori ein, eine Stadt, die nur dafür berühmt ist, weil Josef Wissarionowitsch Stalin hier geboren wurde.

Wir fahren bis kurz vor Tiblisi, wo wir Richtung Norden abbiegen und uns die Straße auf den Kreuzpass auf knapp 2400m führt. Nach dem Pass erreichen wir gegen Abend das Truso Tal und beschließen, die Nacht hier zu verbringen. Am Abend checken wir das Wetter der nächsten Tage und planen, was hier, mittlerweile Ende September, noch alles möglich ist. Der Sommer ist vorbei, die Temperaturen sollten jedoch noch ein paar Bergtouren im großen Kaukasus zulassen. Am nächsten Tag starten wir mit unserem Abenteuer „Großer Kaukasus“.

Danach feiern wir unseren Erfolg in Tiblisi. Wir erreichen einen Parkplatz, mitten in der Stadt, wo mehrere Camper stehen.

 
 

Der Platz ist in Fußreichweite zur Innenstadt. Nach den eisig kalten Zeltnächten in den Bergen feiern wir unsere erfolgreichen Touren in einer Therme mit heißem Schwefelwasser und einem anschließenden georgischen Festessen! Tiblisi wurde auf einer heißen Quelle erbaut, es gibt eine mehrere hundert Jahre andauernde Badetradition. In einem öffentlichen Bad baden Frauen und Männer getrennt, Frauen steht überhaupt nur eine heiße Schwefeldusche zu, während Männer in heißen Pools einweichen und nach jeder Runde eine Runde Chacha trinken.

Am nächsten Tag erkunden wir ein Monument, welches als Kletterspot verwendet wird und genießen am Abend eine coole Essenslocation. Wir schlagen uns die Bäuche wieder so voll, dass an einen langen Partyabend nicht zu denken ist. In eine Bar schaffen wir es dann doch und nach einem Getränk fängt eine Band an, live aufzuspielen. Dann passiert etwas, was wir noch nie erlebt haben: nach nur vier Takten des ersten Liedes hüpfen alle 18 der insgesamt 20 Tische in dieser Bar fast gleichzeitig auf die kleine Fläche vor der Band und flippen komplett aus. Ob jung oder alt, Männer und Frauen, alle schwingen äußerst gekonnt und richtig ungeniert das Tanzbein zur Musik. Beim dritten Lied, "Let's twist again", hält es der letzte verbleibende Tisch neben uns nicht mehr aus und die zwei zuerst verlegen wirkenden jungen Burschen twisten, was das Zeug hält. Nach drei weiteren Liedern lässt sich die Band, aus drei mittelalten Männern bestehend, applaudieren und die Menschen widmen sich wieder ihren auf den Tischen zurückgelassenen Getränken. Wir drei verstehen nicht, was da gerade passiert ist und sind völlig baff. So viel Tanzfreude haben wir gerade hier in Georgien nicht erwartet.

In der Früh machen wir uns auf den Weg nach Armenien. Wir füllen noch unsere Gas- und Ölvorräte auf und erreichen die armenisch-georgische Grenze am späten Nachmittag.

 

Etappe 8: 2290km


 

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