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Herbst in Armenien

Bei den letzten Sonnenstrahlen überqueren wir die Grenze zwischen Georgien und Armenien. Im stockdunklen kaufen wir noch eine Simkarte und eine verpflichtende Autoversicherung.

Nach einer guten halben Stunde sind wir fast bei unserem Übernachtungsplatz mit nicht so guter Zufahrtsstraße, weshalb wir etwas langsamer abbiegen. René bemerkt ein komisches Geräusch, als würde etwas spannen. Ein Stomkabel hat sich zwischen Dach und Dachträger verfangen. Wir fahren langsam rückwärts und das Kabel bleibt nochmal vorne am Bus hängen. René kann mithilfe von einem Schuh den Bus vom Stromkabel befreien und wir fahren mit einem ziemlich verbogen Dachträger ab. Das Kabel muss vorher schon sehr tief gehangen haben, aber jetzt könnten sogar Fußgänger dagegenlaufen. Es passiert uns in den nächsten Wochen noch oft, dass wir vor einem tiefen Stromkabel, und die gibt es sowohl auf der Schnellstraße, als auch im Ortsgebiet, sicherheitshalber abbremsen und checken, ob wir drunter durchpassen. Noch so eine Kollision würde der Dachträger nur schwer verkraften. Wir fahren dann noch ein paar Kilometer weiter und übernachten in einem Canyon.

In der Früh sind wir beeindruckt von der Landschaft. Canyons, hügelige Landschaften mit Wasserfällen und Steinwänden. In Wanadsor machen wir einen kurzen Zwischenstopp, um etwas Bargeld abzuheben. Wenig später fahren wir durch Spitak und gönnen uns ein paar armenische Snacks. Hier gibt es wieder viele Mehlspeisen, Süßgebäck und guten Kaffee aus einer Kaffeemaschine. Wir wählen drei unterschiedliche Mehlspeisen aus und teilen diese genüsslich.

 
 

Die Straßen wirken sehr neu und sind bis jetzt großteils besser als in Georgien. Nach einem Pass auf knapp 2100m bleiben wir danach relativ lange auf einem weitläufigen Hochplateau, bevor es kurz vor Yerevan wieder bergab geht, bis zu unserem Parkplatz in Ohanavan auf ca. 1350m. Von dem Hochplateau aus ragt der weiße Ararat, der heilige Berg Armeniens, hoch in den blauen Himmel. Der Ararat liegt jetzt zwar in der Türkei, ist aber in ganz Armenien präsent. Auf den ebenen Flächen davor werden Früchte und Getreide angebaut. Die Felder fangen am Abend an zu rauchen, weil oft Teile davon verbrannt werden. Von vielen Teilen im Land ragt der mächtige weiße Berg in den Himmel.

Wir erreichen den Platz am frühen Nachmittag und erkunden noch ein paar Sportkletterrouten im naheliegenden Canyon. Auch hier stehen wir mit Ararat-Blick. Am Abend planen wir, den Aragats, den höchsten Berg Armeniens, zu besteigen und machen uns früh am Weg zum Ausgangspunkt der Gipfelbesteigung. Wir haben großes Wetterglück, denn beim Bergabfahren am Tag nach der Tour treffen uns bereits die ersten Regentropfen. Nach unserem erfolgreichen Abenteuer erreichen wir am Abend Yerevan und gehen früh schlafen.

In Yerewan ist es viel wärmer und es regnet nicht. Ausgeschlafen machen wir uns von unserem Parkplatz zu Fuß auf den Weg ins Zentrum. Nach ca. 45min sind wir mittendrin und starten eine Kombination aus Sightseeing und Beiselralley. Wir drei sind bis spät in die Nacht unterwegs und feiern nochmal die Gipfelerfolge der letzten zwei Wochen.

 
 

Der nächste Tag startet demnach erst zu Mittag, mit einem Besuch im Armenian Genocide Museum. Das Museum ist für alle kostenlos und sehr sehenswert

Danach fahren wir zu einem Wasserreservoir in der Nähe von Yerewan. Die Temperaturen sind heiß. In der Ferne sehen wir wieder den mächtigen Ararat in voller Pracht. Wir fahren über eine unbefestigte, sehr holprige Straße in das Seebett hinein, weil der Wasserspiegel so niedrig ist. Das Ufer besteht aus metertiefem Schlamm und aus dem Badetag wird zufällig ein Grillfest mit Einheimischen. Wir grillen gemeinsam, trinken viel Schnaps und Bier und gehen gemeinsam spazieren. Als es dunkel wird, holt der knapp 16-jährige Sohn von unserem neuen Freund die großen Boomboxen aus dem Kofferraum seines schrottreifen Autos und wir drei tanzen stundenlang mit den Armeniern zu System of a Down. Mitten in der Wüste, am Ufer eines fast ausgetrockneten Wasser-Reservoirs.

 
 

Doch plötzlich spüren wir Regentropfen. Wenn sich der Boden aufweicht oder der Wasserspiegel ansteigt, würden wir niemals mehr aus diesem Seebecken rauskommen. Also ist die Party ziemlich schnell vorbei und wir suchen unseren Weg aus dem ausgetrockneten Seebecken zurück zur Straße. Der Übernachtungsplatz ist ein höher gelegener Platz mit Blick über den See und die Berge.

Nach dem Frühstück geht’s nochmal in die Stadt, um uns durch ein paar der unzähligen Cafés von Yerevan zu probieren, bevor wir Max am Abend zum Flughafen bringen.

 
 

Die Zeit zu dritt war abenteuerlich und ereignisreich, wir haben kalte Nächte im Zelt und warme Abende im Bus zusammen verbracht. Wir haben genau 48 Stunden, um das alles zu verarbeiten. Dann kommt schon unser nächster Gast.

Wir fahren weiter zu unserem altbekannten Parkplatz in Ohanavan. Das Wetter der nächsten Tage ist wechselhaft und wir lassen diese etwas ruhiger angehen. Wir beantragen die Visa für den Iran und verbringen wieder mal Zeit mit Bücherlesen und Schreiben. An einem Tag nutzen wir die Regenpause zum Sportklettern und bekommen zwei Straßenhunde als Freunde.

Nach den zwei Tagen treffen wir Jase in Yerewan und erkunden die Stadt gemeinsam. Schon am nächsten Tag fahren wir bei schönem Wetter wieder nach Ohanavan zum Sportklettern und Wandern.

 
 

Armenien ist das erste Land der Welt, welches den christlichen Glauben als Staatsreligion angenommen hat. Es gibt unzählige alte Kirchen und Klöster, überall in der Landschaft verteilt. In der Nähe gibt es ein großes Kloster, welches wir nach einer gut zweistündigen Wanderung durch den Canyon erreichen.

 
 

Hier feiert ein Pärchen nach dem anderen Hochzeit und die weißen Tauben flattern im Minutentakt in die Lüfte. Die beiden Straßenhunde sind uns den ganzen Weg bis hierher gefolgt. Hier treffen wir auf zwei weitere Hunde, die beschließen, sich uns anzuschließen. Nach einiger Zeit kommt aus dem Gebüsch ein weiterer und ohne, dass wir ihn beachtet, gestreichelt oder gefüttert haben, ist er so wie die anderen bei unserem Wandertag dabei. So haben wir nach kurzer Zeit ein Rudel von sieben Hunden, das aufgeregt hinter und vor uns herläuft.

 
 

Am Rückweg gehen wir dem Ararat entgegen. Hier in Armenien gibt es sehr viele Apfelbäume, welche jetzt alle bereit sind, gepflückt zu werden. Von den Bauern und Bäuerinnen bekommen wir im Vorbeigehen Äpfel und Nüsse geschenkt, welche wir uns schmecken lassen.

 
 

Eine Nacht verbringen wir bei einem kleinen Wasserreservoir auf einer Halbinsel. Dort sind die Temperaturen am Abend schon empfindlich kalt und wir machen bei den letzten Sonnenstrahlen die wahrscheinlich kälteste Yogasession. Die Bäume sind hier schon bunt und der Herbst liegt in der Luft. Zurückblickend hat in dieser Nacht das Wetter schlagartig umgestellt und der Herbst Einzug gefunden. Wir schlafen von da an nur noch mit unseren Daunenschlafsäcken.

 
 

In der Früh geht es dann weiter zum Sewansee. Das Wetter ist wechselhaft und der Wind macht die Temperaturen noch etwas kälter. Draußen zu sitzen ist fast unmöglich. Entweder verbläst der Wind den Tee und die Suppe am Weg in den Mund oder es regnet Eisregen. Der Sprung in den klaren See muss trotzdem sein, die Wassertemperatur ist noch sehr angenehm. Nach nur drei Tagen wurde unser Iran-Visum bestätigt und wir können die Gegend um Yerewan langsam verlassen, sobald wir es bei der iranischen Botschaft in Yerewan abgeholt haben. Die nächsten Tage verbringen wir also wieder in Yerevan, um unsere Visa von der iranischen Botschaft abzuholen und einige Besorgungen zu machen, bevor es in den Süden von Armenien geht.

 
 

Wir fahren zu zweit weiter zum Angel’s Canyon, einer Wüstenlandschaft. Hier ist es in der Nacht kalt aber am Tag sehr heiß. In der Früh machen wir unsere Räder fahrbereit und erkunden den wüstenartigen Canyon. Ein paar Passagen muss das Rad geschoben und getragen werden. Wir setzen uns einen Gipfel zum Ziel. Nach gut 100hm erreichen wir eine Anhöhe und sehen einen wunderschönen Bergkamm, welcher nach einer unglaublich schönen und langen Radabfahrt aussieht. Also holt René die Räder und schiebt und trägt sie bis nach oben. Der Gipfelerfolg und die anschließende Abfahrt ist dafür umso genüsslicher. Wir fahren den ganzen Weg zu Bus über einen mäßig steilen Kamm mit atemberaubender Aussicht.

 
 

In der Früh fahren wir zum Klettern weiter in den Süden, zum Hell‘s Canyon. Weil das Wetter in den Tagen danach regnerisch und kalt werden soll, wollen wir nach Djermuk ausweichen, wo es heiße Quellen gibt. Wir parken direkt beim Ausgangspunkt unserer Wanderung zu den heißen Quellen und starten nach dem Frühstück bei Regen. Nach einer einstündigen Wanderung im Matsch, dem Überqueren von Bächen und bei wunderschöner herbstlicher Stimmung, erreichen wir die „heißen“ Quellen, die sich mitten im Bärengebiet befinden. Die „heißen“ Quellen sind allerdings nicht ganz so heiß, wie andere Quellen, in welchen wir schon gebadet haben. Sie sind aber warm genug, um diesen privaten Pool mitten in der Natur lang genug ausnützen zu können.

 
 

Der Weg aus dem Becken ist schwieriger, als hinein und wir haben unsere Jacken schneller wieder an als gedacht. Nach dem warmen Bad frieren unser Füße und der Regen hat unsere Jacken durchnässt. Wir wandern zurück und entscheiden uns, die nächsten beiden Schlechtwettertage in einem kleinen Apartment zu dritt zu verbringen, unsere ganze Wäsche zu waschen und Arbeiten am Laptop zu erledigen. 

 
 

Vor allem war unsere letzte heiße Dusche in den Bädern von Tiflis und die Bach- und Seebäder werden mittlerweile wirklich fast zu kalt. In der Früh, als die Sonne den Morgenfrost von unserer Scheibe wegschmilzt, machen wir uns bei Traumwetter auf den Weg in den Norawank Canyon. Dort erkunden wir die Kletterwände und das Norawank Kloster.

 
 

Nach erfolgreichen Klettertagen geht’s weiter in den Süden, bis zur iranischen Grenze sind es von hier 6000 Höhenmeter und einige Kilometer, das wollen wir in zwei Tagen schaffen. An diesem Tag fahren wir viel, müssen aber oft stehenbleiben, um Fotos zu machen. Wir schaffen es bis zur Devil’s Bridge. In der Früh wandern wir durch den mächtigen Canyon und springen über Stock, Stein und den Fluss, um auch hier die warmen, heilenden Quellen zu finden. Nach der Wanderung fahren wir zum Tativ Kloster, welches ca. 500 Höhenmeter höher liegt.

 
 

Die Straße zeichnet sich durch die vielen Bergauf- und Bergabmeter mit einer beeindruckenden Szenerie aus, die Aussicht ist traumhaft, die Bäume bunt und der Herbst zeigt sich nochmal von seiner schönsten Seite. Als würde die Natur wissen, dass wir vom Herbst in den Sommer und von einer Wald- in eine Wüstenlandschaft überfahren.


Weiter im Süden müssen wir zwei hohe Pässe überqueren. Gegen Nachmittag packt uns der Hunger und wir holen uns vor dem letzten Pass in einer kleinen Stadt einen sehr guten armenischen Snack. Die salzigen sind mit Kartoffeln, die süßen mit Vanillepuddig gefüllt. Jetzt müssen wir ca. 2000hm bergauf zum höchsten Pass unserer Tagesetappe, auf 2535m. Wir erreichen den Pass perfekt zum Sonnenuntergang und genießen die Stimmung. Nach weiteren 2000hm bergab erreichen wir unseren Campingplatz direkt neben der iranischen Grenze. Der Fluss, der durch eine beeindruckende Berglandschaft fließt, trennt Armenien und Azerbaijan vom Iran. Wir parken mit Blick auf die Grenzbrücke und müssen uns noch um ein „Problem“ kümmern.

 
 

Wir haben in den letzten zwei Nächten öfter was rascheln gehört und beim Blick auf die Bananen sind wir uns sicher, um welchen Übeltäter es sich handelt. Bei den kalten Nachttemperaturen ist wieder eine Maus bei uns im Bus eingezogen. Die Katzen vom Campingplatz sind bereit, uns bei diesem Problem zu helfen und tatsächlich bleibt die armenische Maus in Armenien. Am Abend gibts für René das vorraussichtlich letzte Mal Bier, in den Iran dürfen wir keinen Alkohol mitnehmen. Auch sonst bereiten wir uns und den Bus auf den bevorstehenden Grenzübertritt in eine neue Welt vor, denn wir haben Berichte gehört, dass es da strenger zugehen soll. Wie diese Geschichte am Ende anders als erwartet ausgegangen ist, erfahrt ihr im nächsten Artikel zum Iran.


Am nächsten Vormittag überqueren wir die iranische Grenze und fahren Richtung Tabriz auf knapp unter 1400m. Die Landschaft geht sehr gebirgig weiter, doch die Straßen im Iran zeichnen sich nicht mehr durch unzählige steile Serpentinen aus, wie in Armenien.

 

Etappe 9: 1213km


 

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