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Zum ersten Mal im Iran

Bis jetzt haben wir uns noch auf keinen Grenzübertritt so sehr vorbereitet, wie auf diesen. Wir stehen an der armenisch-iranischen Grenze im mit Stacheldraht eingezäunten Garten eines Hostels. Den restlichen Alkohol, welchen wir noch übrighatten, haben wir an die Trucker im Hostel verteilt. Außerdem verboten sind im Iran Schweinefleisch, Drohnen, Satellitentelefone und manche Medikamente. Wir haben uns ganz genau informiert und verstecken unsere Notfallmedikamente und das Garmin-Satelliten-Gerät ganz tief in der Unterhosenlade. In der Früh tanken wir noch mit den letzten armenischen Dram unseren Tank voll, um im Iran bis zur nächsten Stadt zu kommen, ohne schon tanken zu müssen. Denn Diesel ist im Iran zwar wahnsinnig günstig, doch wird er nicht an ausländische Fahrzeuge ausgegeben. Zu Beginn unserer Reise war uns nicht klar, dass wir durch den Iran fahren werden, und wir wollten es auch nicht wirklich. Nach und nach hat sich für uns herauskristallisiert, dass das der richtige und kürzeste Weg nach Indien ist.

Es mischt sich Vorfreude mit Angst. Wir sind leicht nervös, wie vor jedem Grenzübertritt. Aber hier besonders, da sich seit einiger Zeit die Warn-Nachrichten unserer Familien und Freunde häufen. Für den Iran besteht zu der Zeit Reisewarnstufe 6, das ist das höchstmögliche Sicherheitsrisiko. Wir können es ihnen nicht verdenken, in unseren Medien wird auch so berichtet, als wäre im Iran Krieg. Wir lassen uns davon aber nicht beirren, ein gewisses Risiko besteht schließlich in jedem Land und wir haben in unserer Zeit in Armenien und Georgien genug sehr positive Reiseberichte von anderen Reisenden gehört. Bestens ausgerüstet mit allen benötigten Dokumenten fahren wir am frühen Vormittag in die Grenzzone hinein. Dort wird der Bus auf armenischer Seite kurz von einem neugierigen Beamten kontrolliert, jedoch ohne den Kofferraum zu öffnen. Auf iranischer Seite verläuft die ganze Sache noch entspannter. Wir dürfen einige Meter fahren, müssen aussteigen, irgendwelche Dokumente irgendwohin bringen, weiterfahren. Der Bus wird auf iranischer Seite nicht mehr kontrolliert und die Beamten wünschen uns eine gute Zeit in ihrem Land. Das war eindeutig einer der entspanntesten Grenzübertritte, die wir bis jetzt je hatten. Nicht nur das sollte in diesem Land ganz anders sein, als wir es erwarten.

Auf der anderen Seite sollte eine neue Welt auf uns warten. Zwischen hohen Bergen links und rechts fahren wir einige Zeit die aserbaidschanische Grenze entlang, bis uns die schroffen Berge in das iranische, wüstenartige Hochland entlassen. Die Luft ist warm und wir genießen die weite Sicht. Wir haben für 45 Tage Visa bekommen, und wir ringen auf der Fahrt nach Tabriz der erzwungenen Alkoholabstinenz ihre positiven Seiten ab. Die Autobahn ist in einem super Zustand, solche guten Straßenverhältnisse hatten wir schon ewig nicht mehr. So gelingt es uns, an dem Tag vor Sonnenuntergang einen gratis Campingplatz in Tabriz zu erreichen. Der Tag ist noch jung und wir machen uns auf den Weg in die wuselige Stadt. Doch ohne Geld kommen wir nicht weiter. Abheben können wir hier nicht, da im Iran ausländische Bankkarten geblockt werden. Die Wechselstuben haben schon geschlossen und außerdem wissen wir gar keinen offiziellen Wechselkurs, da der internationale Rial-Wert nicht dem entspricht, mit dem hier tatsächlich gehandelt wird. In der Stadt stoßen wir auf den sympathischen Besitzer (der wie John Lennon aussieht) eines Copy-Shops. Er kann uns zu einem fairen Kurs ein paar Dollar wechseln und mehrere junge Leute haben sich bereits in seinem Laden versammelt, um den Geburtstag eines Freundes zu feiern. Prompt werden wir von der Student*innengruppe auf die Party eingeladen. Zunächst gibt es heiße Schokolade und einen Baklava-Kuchen. Es wird laut gesungen und getrommelt. Wir denken uns so: „Cool, hier kann man auch mit heißer Schoko Spaß haben und feiern.“ Doch wir werden eines Besseren belehrt, als sich die Party in das kleine Häuschen eines Kollegen verlegt, welches als Party-Villa benutzt wird. Dort wird Hühnchen gegrillt, Obst aufgeschnitten und natürlich auch selbstgemachter Alkohol getrunken. Nirgends auf der Welt feiern junge Student*innen Geburtstage ohne Alkohol! Das wars also mit unseren 45 Tagen Abstinenz, gleich am ersten Tag werden wir in die Realität hineingestoßen. Wir führen interessante Gespräche und um kurz vor Mitternacht ist die Party vorbei und wir werden wieder zu unserem Campingplatz zurückgebracht. Müde fallen wir nach diesem ersten aufregenden Tag in unser Bett. Tabriz liegt auf 1700m, es ist also sehr kalt hier. Wir ahnen noch nicht, dass wir unsere Daunenschlafsäcke nicht wegräumen dürfen, bis wir den Iran wieder verlassen.

 
 

Am nächsten Tag nehmen wir uns die nächste Hürde vor: Simkarten zu kaufen. Ausländische Telefone dürfen maximal 30 Tage im Iran verwendet werden, danach wird der Simkartenslot des Telefons automatisch gesperrt und kann nicht wieder verwendet werden. Mit der Hilfe eines sehr hilfsbereiten Mannes aus einem Übersetzungsbüro kaufen wir in seiner Mittagspause zwei Simkarten, welche wir nacheinander für jeweils 30 Tage verwenden dürfen. Am Schwarzmarkt können wir auch unsere Euros und Dollar zu einem fairen Kurs in Rial wechseln. Die Männer auf der Straße, also „der Schwarzmarkt“ bieten bessere Kurse als die Wechselbüros an, da man mit ihnen verhandeln kann. Das können wir mittlerweile schon sehr gut. Für unsere 100€ bekommen wir 53,5 Millionen Rial, das hört sich viel an und ist auch so, zumindest in Scheinen. Der größte Schein, den wir ergattern können, ist der 1 Million Rial Schein, umgerechnet ca. 2€ wert. Das ist für viele hier schon viel Geld. Denn während Gas, Diesel und Öl hier sogar für Iraner*innen günstig ist, sind Lebensmittel vergleichsweise sehr teuer. Wir vermuten, dass es deshalb viele vegane Ersatzprodukte im Supermarkt gibt, weil sich viele das Fleisch nicht leisten können. Wieder verkehrte Welt: In Europa blechen wohlhabende Veganer*innen viel Geld für veganes Sojaschnetzel, hier kostet der Kilo ca. 1€. Und dann ist da auch noch die Sache mit den Toman. Toman wird wie eine zweite, inoffizielle Währung behandelt. Obwohl zwischen dem Rial und dem Toman bis auf den Namen und einer Null (535.000 Rial = 53.500 Toman = 1€) kein Unterschied besteht, sind viele Preise in Toman gekennzeichnet. Von Einheimischen haben wir die unsichere Erklärung erhalten, dass es mit Toman und der Null weniger, leichter zu rechnen sei. Wir finden aber, dass das nur zu mehr unnötiger Verwirrung führt. Außerdem können so Menschen, die der persischen Sprache und Schrift nicht mächtig sind, abgezockt werden. So kann aus einer Gasflaschenfüllung, die 300.000 Rial wert ist, schnell eine 300.000 Toman Füllung werden und wir müssten statt 60Cent 6€ bezahlen. Zum Glück ist die persische Schrift kein Ding der Unmöglichkeit und wir haben nach wenigen Tagen das Gefühl für die Millionenbeträge und auch, was die Dinge so kosten dürfen, raus. In vielen Restaurants in ehemaligen Tourist*innenstädten (seit Covid kommen kaum noch Tourist*innen ins Land) gibt es auch zwei Speisekarten mit zwei verschiedenen Preisen. Auf der englischsprachigen Karte sind die Speisen und Getränke um 30 Prozent teurer als auf der persischen Karte. Ansonsten muss man nicht unbedingt persisch verstehen, um im Land klarzukommen. Straßenschilder sind immer zweisprachig und selbst Lebensmittel sind auf Englisch beschriftet.

Danach treffen wir unseren Freund Jase wieder, der schon einen Tag früher vorgefahren ist. Wir erkunden die Stadt gemeinsam mit einem deutschen Radfahrer und einem Englisch-Studenten aus Tabriz. Wir besuchen Ali in seiner Nähmaschinenwerkstatt, der fast alle Reisende mit Tee empfängt und sich freut, wenn wir ihm etwas in eines seiner unzähligen Gästebücher schreiben. Wir besuchen den großen Bazaar von Tabriz, welcher zu den Weltkulturerben zählt und auch eine Karawanserei beinhaltet.

 
 

Nach diesen schönen ersten Tagen im Iran machen wir uns auf den Weg nach Teheran. Am Weg dorthin werden wir von fast jedem Auto angehupt und uns wird aufregend gewunken. Viele rufen aus den offenen Autofenstern: „Welcome to Iran!“. Das haben wir uns eindeutig so nicht erwartet. Ein anderer Grund, warum wir ausgebremst werden, ist, dass hier auch alle immer aufs Handy schauen. Das macht die Menschen aber unaufmerksam und wir können so viele Lücken im Verkehr für uns nutzen und schneller vorankommen. Leider sehen wir in den ersten Tagen deshalb auch schon viele Unfälle. Es kann auch vorkommen, dass mitten auf der Schnellstraße Speedbumps installiert sind, die meistens nicht durch Schilder gekennzeichnet sind. Das macht es neben der Tatsache, dass alle immer mit Fernlicht fahren, in der Nacht unmöglich zu fahren.

Wir müssen auch zum ersten Mal tanken, wovor wir schon seit langem Respekt haben. Alle Fahrzeuge haben eine Tankkarte, die es ihnen erlaubt, ein Mal pro Tag zu tanken. Als ausländisches Fahrzeug bekommt man so eine Tankkarte nicht, also gibt es keine legale Möglichkeit, sein Auto zu tanken. Man muss also LKW-Fahrer um ihre Tankkarte bitten, da normale Autos nicht mit Diesel fahren. An der ersten Tankstelle haben wir Pech und dort hält kein LKW. Nach kurzer Verhandlung mit dem Tankwart dürfen wir ihm ca. 40 l abkaufen, die er wahrscheinlich mal von einem LKW abgefüllt hat, zu einen unerhört teuren Preis von umgerechnet 2€. Bei einem Literpreis von unter einem Cent (ja, <0,01€!) ist das wirklich teuer. An diesem Tag fahren wir viele Kilometer, die Autobahn hat beste Qualität und geht immer leicht bergab. Deshalb erreichen wir Teheran tatsächlich nach nur einem Fahrtag, das ist neuer Rekord! Nach den 400 gefahrenen Kilometern müssen wir also nochmal tanken und erwischen gleich einen supernetten LKW-Fahrer, der unseren Tank und unsere beiden Kanister befüllt, dafür nicht einen Cent von uns will und uns eine schöne Zeit in seinem Land wünscht. Solches Glück haben wir in den kommenden Wochen tatsächlich fast immer, weshalb wir in unserer Zeit im Iran nicht einmal 5€ fürs Tanken ausgeben. Dafür bekommen wir noch einen Haufen Tipps, gute Wünsche und das Wissen, wie man einen Tank aussaugt und einen anderen damit befüllt.

Was uns am Weg noch auffällt, ist, dass es hier wahnsinnig wichtig ist, zu picknicken. Egal, ob es ein Wiesenstreifen neben der vierspurigen stark befahrenen Autobahn ist oder ein Park mitten in der Stadt, die Menschen legen überall ihre Picknickdecke aus. Wenn sie hungrig sind oder das Bedürfnis nach einer Teepause verspüren, vor, während oder nach der Arbeit, wird Picknickdecke und Feuerholz rausgeholt. Wir haben das Gefühl, dass die Menschen nichts glücklicher machen kann als ein Feuer, auf dem sie ihre Teekanne und ein Stück Tier braten können. Der Pannenstreifen wird dann zum Parkstreifen für ein Notfall-Picknick neben der noch so stark befahrenen Straße. Die Iraner*innen sind ein sehr campingliebendes Volk. Auf kaum einem Parkplatz sind wir allein, bekommen sofort Hühnchen und Tee angeboten. Das hat auch den Vorteil, dass es nie ein Problem ist, Toiletten und Trinkwasser zu finden.

In Teheran nehmen wir uns zur Feier des Tages ein Zimmer in einem Hostel und feiern Vanessas Geburtstag, ohne Alkohol, aber mit Falafel, Torte und Tee. Teheran hat fast neun Millionen Einwohner*innen und ist eine Student*innenstadt. Es gibt unzählige coole Cafes, internationales und auch vegetarisches Essen. An jeder Ecke gibt es was zu entdecken. Was uns hier besonders auffällt: Kaum eine junge Frau trägt das Hijab, die vorgeschriebene Kopfbedeckung für Frauen. Wir könnten uns hier auch genauso gut in jeder anderen beliebigen Stadt außerhalb vom Iran befinden. Die Frauen gehen damit ein großes Risiko ein. Seit dem Tod von Jina Mahsa Amini drücken die Polizist*innen aber mehrere Augen zu, denn die Bevölkerung lässt sich nicht mehr so viel gefallen. Hier spürt man den Trotz gegen die Regierung und ihre zurückgebliebenen Regeln sehr deutlich, wenn dieser auch nur hinter vorgehaltener Hand oder geschlossenen Türen zum Ausdruck gebracht wird. Für Touristinnen werden nochmal mehr Augen zugedrückt, was diese gefürchtete Kopftuchangelegenheit sehr entspannt macht. Wir sind uns unserem Privileg, als Tourist*innen in diesem Land zu sein, natürlich bewusst. Wir können das Land jederzeit verlassen und werden niemals von Polizist*innen oder sonst wem schlecht behandelt, während viele Iraner*innen jeden Tag in Angst leben müssen.

 
 

Die Großstadtatmosphäre mit ihren vielen Gassen, in der es in jeder davon was zu entdecken gibt, hält uns in ihrem Bann. Wir genießen es sehr und bleiben ein paar Tage länger als geplant. Doch uns packt die Kletterlust und wir machen uns auf den Weg zu einem Klettergebiet in den Wänden nördlich von Teheran. Dort treffen wir wieder auf gleichgesinnte Menschen, wir unterhalten uns über das Klettern, Bergsteigen und so manche anderen Dinge so gut, dass wir eine Einladung zum Bierverkosten nicht abschlagen können. Eine Stunde später sitzen wir wieder in Teheran im Wohnzimmer der Eltern unseres neuen Freundes und verkosten mit den Eltern und den anderen Kletterern das selbstgemachte, alkoholische Bier. Dazu gibt es natürlich reichlich Knabbereien, bis es in der geräumigen Wohnung anfängt, nach Lagerfeuer zu riechen. Zur Feier des Tages grillen die Eltern unseres Freundes Hühnchen über Kohlen in der Küche. Dazu gibt es den gelblich angebratenen Safranreis. Wir dürfen sogar dort übernachten und frühstücken am nächsten Tag noch gemeinsam.

Unser Freund kann uns leider nicht in Österreich besuchen kommen, da er sich gegen den Wehrdienst (zwei verpflichtende Jahre) weigert. Männer bekommen erst nach abgedientem Pflichtwehrdienst einen Reisepass. Frauen dürfen ohne Erlaubnis ihres Ehemannes oder Vaters das Land auch nicht verlassen. Wenn jemand abweichende Gedanken offen kundtut, Partys organisiert oder Musik macht, die „anders“ ist, kann einem ebenfalls das Verlassen des Landes verweigert werden. Es sind solche Regeln, welche die Menschen wütend machen und an diesem System zweifeln lassen. Obwohl westliche soziale Medien wie Whatsapp und Instagram im Iran verboten sind, nutzt sie jeder Mensch hier. Dazu wird lediglich ein VPN benötigt und die Leute haben Zugriff auf „freies“ Internet. Während bei uns in Europa die Verweigerung von Social Media ein Akt gegen die Vereinnahmung von Medien ist, ist es im Iran genau umgekehrt. Die Menschen nutzen diese Medien als Akt gegen die Zensur. Wer kein Instagram-Profil besitzt, ist Außenseiter*in. Sogar die Mitglieder der Regierung sind auf Instagram zu finden. Obwohl die Regierung offensichtlich versucht, den Menschen vorzuschreiben, an was sie zu glauben und zu denken hätten, sind die meisten (jungen) Menschen sehr aufgeklärt und überhaupt nicht gehirngewaschen. Aber viele Dinge sind hier anders, als wir sie erwartet hätten.

Im Iran wird Gastfreundschaft ganz großgeschrieben. Die Menschen sind unglaublich hilfsbereit und wollen, dass ihre Gäste sich in ihrem Land wohlfühlen. Es ist sogar so, dass die wenigen Obdachlosen und Straßenkinder bei Ausländer*innen nicht betteln, weil sich das bei Gästen nicht gehört. Ständig wollen uns die Menschen ihre Hilfe anbieten. Wenn wir (wie fast immer) nichts brauchen, wollen sie uns unbedingt zumindest etwas schenken oder zum Tee oder Essen einladen. Wir lehnen jeden Tag mindestens eine Essenseinladung ab (meistens gibts Hühnchen), weil wir sonst gar nicht weiterkommen würden. Beim Einkaufen müssen wir oft nur die Hälfte der Dinge bezahlen, weil wir sogar von den Händlern eingeladen werden. Manchmal sind wir fast enttäuscht, wie schnell wir als Tourist*innen enttarnt werden. Egal, wie gut unser „Salam!“ ist, die Menschen haben ein Auge für Ausländer*innen, wir fallen überall auf, jeder will mit uns reden und oft Fotos mit uns machen. Das ist manchmal auch anstrengend, aber jammern auf hohem Niveau. Ob mit den vielen geflüchteten Menschen aus Afghanistan auch so umgegangen wird? Wohl eher nicht.

Hier in Teheran finden wir auch wieder Klettershops. Es gibt zwar hauptsächlich importierte Ware, welche durch die hohe Versteuerung sauteuer ist, dennoch ist das der erste Klettershop überhaupt seit Griechenland. Unsere durchlöcherten Kletterschuhe mussten wir unseren Besuchen wieder nach Österreich zum Besohlen mitgeben, weil in der Türkei, Georgien und Armenien kein Outdoormarkt besteht. Einen lokalen Kletterführer ergattern wir dann doch und wir werden vom glücklichen Ladenbesitzer wieder mal zum Tee eingeladen. Nördlich von Teheran steht der Damavand, der höchste Berg im Iran. Eigentlich wollten wir ihn besteigen, doch die kalten Temperaturen haben uns stark zugesetzt. Wahrscheinlich haben wir uns in der völlig überfüllten Teheraner U-Bahn einen Virus eingefangen und sind nicht fit genug, um diesen über 5000m hohen Berg zu erklimmen. Deshalb wollen wir so schnell es geht in den Süden, wo wir auf wärmeres Klima hoffen.

 
 

Nach Teheran fahren wir Richtung Isfahan. Der Weg führt uns durch eine beeindruckende Wüstenlandschaft des iranischen Hochlandes. Wir machen Stopp in Qom, wo die wichtigste schiitische Wallfahrtsmoschee steht. Vanessa bekommt von gut gelaunten Damen am Eingang ein buntes Tuch umgehängt. Wer kein eigenes besitzt, darf sich ein frisch gewaschenes ausborgen. Der Eintritt in die meisten Moscheen ist gratis und die Menschen freuen sich, dass wir uns für die Religion interessieren. Was uns hier auffällt: Wir haben schon seit Ewigkeiten den Muezzin nicht mehr zum Gebet ausrufen gehört. Es gibt hier zwar viele Gebetsräume, doch die Menschen kommen uns zumindest in den Städten nicht sehr strenggläubig vor. Während der Muezzin in der Türkei sechs Mal pro Tag zum Gebet ausrief, hören wir das blecherne Geschrei im Iran kaum. Es wird keine Arbeit unterbrochen und selbst am Freitag, dem heiligen Tag (wie bei uns der Sonntag), strömen die Menschen nicht in die Moscheen. Vor allem junge Leute, aber nicht nur, legen keinen Wert mehr auf den Glauben, erzählt man uns.

 
 

Danach geht es weiter nach Kashan. Hier spüren wir das trockene Wüstenklima schon deutlicher. Die Fassaden der Häuser sind mit einer Stroh-Lehm Mischung verputzt, weil es hier so selten regnet. Wir sind fasziniert von den historischen Kühlhäusern, wo im Winter Eis eingelagert wurde und die Menschen bis in die heißen Sommermonate mit Eis versorgt hat. Die Stadt Kashan ist wirklich ästhetisch, in jeder Gasse finden wir mit viel Liebe zum Detail verzierte Fensterläden oder kunstvolle Fliesen.

 

 

Es wird zwar tagsüber ein wenig wärmer, je weiter wir in den Süden fahren, doch in der Nacht ist es eisig kalt. Isfahan ist eine Stadt, die wir nur im Dunkeln gesehen haben. Wir schlendern über den Bazaar, durch die Straßen und trinken Tee und Kaffee in kleinen Teeläden. In Isfahan erreicht unsere kränkliche Angeschlagenheit ihren Höhepunkt und wir liegen beide flach. Obwohl es hier doch so großartige Kletterwände gibt! Ein paar schöne Klettertage haben wir dann doch noch. Ein paar Tage stehen wir mit neuen Freunden aus Deutschland in einer steinigen Wüstenlandschaft neben den Kletterfelsen und machen Lagerfeuer und kochen gemeinsam. Hier sind die Tage sowie die Nächte eisig kalt. Es weht kalter Wind, der das Draußensein ungemütlich macht. Wir müssen weiter in den Süden!

 
 

Um nach Yazd zu gelangen, testen wir wieder Elkes Offroad-Fähigkeiten und machen einen Abstecher durch die Wüste zum Gavkhouni, einem riesigen Salzsee, welcher vom Zayandeh Fluss aus dem Zagros-Gebirge gespeist wird. Auch Isfahan liegt an diesem sehr sinnvollen geologischen Platz, dadurch stellte es eine Oase in der Wüste dar. Während der Fluss in Isfahan Wasser führt, ist der Salzsee ziemlich trocken. Nach dem Salzsee hört die befestigte Straße einfach auf und eine Schotterstraße, ein Teil der Jahrtausende alten Seidenstraße, beginnt.

 
 

Nach ein paar Kilometern auf diesem Sandweg kommen wir auch schon bei einer alten Karawanserei vorbei. Karawansereien dienten als Raststätten und Herbergen entlang der Seidenstraße. Dort konnten die Reisenden mit ihrem Vieh und Gütern, also einer Karawane, sicher rasten, das Vieh tränken und die Nacht verbringen. Denn Räuber und Raubtiere stellten für Karawanen eine ernste Gefahr dar, weswegen alle 30 bis 40 Kilometer, also nach einem Tagespensum, eine Karawanserei stand. In der Ferne sehen wir eine riesige Schafherde vorbeiziehen und katapultieren uns gedanklich zurück in die Zeit der Seldschuken, wo Männer mit bunten und schwer beladenen Tüchern auf den Köpfen, Kamele und Schafe mit dem Ziel eines guten Handels in der Ferne durch die Wüste zogen.

 
 

An diesem Abend schlafen wir in der Nähe eines kleinen Gebirges. Ein Schafhirte kommt öfter vorbei, um uns zu sagen, dass es hier in der Nacht sehr kalt wird und wir gerne bei ihm und seiner Frau essen und nächtigen können. Daher hier zufällig mal das Internet super funktioniert, können wir uns dank Google-Übersetzer gut unterhalten. Er ist interessiert, was für Tiere man in Österreich hält, ob sie genug Futter fänden und ob sie im Winter draußen schlafen können. Er selbst muss seinen Schafen Futter zukaufen, da sie in dieser kargen Gegend kaum was zu fressen finden. Wir können ihn tatsächlich davon überzeugen, dass wir alles dabeihaben, was wir brauchen und er sich keine Sorgen um uns machen braucht. Am nächsten Tag kommt er aber sicherheitshalber nochmal vorbei, um uns zum Tee einzuladen.

 
 

Als nächstes fahren wir in die Stadt Yazd, welche uns mit ihrer verwinkelten Altstadt sofort in ihren Bann zieht. Unweit der Stadt befindet sich auch ein Klettergebiet, wo wir einige Tage verbringen. In der Nähe von Yazd gibt es mehrere hohe Berge, wo wir unseren Wander-Krankenstand beenden wollen. Wir sehnen uns schon seit Ewigkeiten danach, von ganz oben auf das Land zu schauen.

 
 

Die nächtliche Anfahrt ist sehr holprig und kommt uns steiler vor, als sie ist. Wir fahren in das Dorf „Deh Bala“, von wo aus die Wanderung auf den Shir Kuh (4075m) beginnt. Dort treffen wir auf ein schweizer Pärchen, mit dem wir den Abend verbringen und woraus sich eine gute Freundschaft ergeben sollte. Am nächsten Tag können wir unseren langen Traum von einer längeren Wanderung endlich wahr werden lassen. Wir treffen auf dem Weg nach oben viele iranische Bergsteiger*innen, mit denen wir allen ein Selfie machen sollen. Wir fühlen uns wie die Stars am Berg. Ständig wird uns Schokolade und Snacks angeboten. Von einem Bauern aus dem Dorf bekommen wir am Parkplatz einen Haufen Mandeln geschenkt, die er in seinem Garten anbaut. Er will uns auch wieder zum Essen einladen, doch wir wollen weiterkommen. Es sind schöne Tage am Berg und wir würden gerne länger bleiben, aber unser Visum läuft schon in wenigen Tagen aus und verlängern können wir es erst in der nächsten Stadt.

 
 

In Kerman verlängern wir ganz einfach um 2€ unser Visum und bekommen zusätzliche 36 Tage in diesem schönen Land. Wir wissen schon ganz genau, was wir mit dieser neu gewonnenen Zeit anfangen sollen. Unweit von Kerman befindet sich die Dasht-e Lut Wüste, der heißeste Ort der Erde. Dort sind wir mit unseren Freunden aus der Schweiz verabredet, um gemeinsam das Abenteuer Wüste zu erleben. Wie das mit unserer Offroad-Elke ausgegangen ist, erfahrt ihr in einem anderen Beitrag.

 
 

Nach dem Abenteuer in der Dasht-e Lut kommen wir in der Provinz Sistan-Baluchistan an. Neben der Straße stehen viele Kamele, die Kleidung der Menschen hat sich geändert und das Klima ist wärmer als vor der Wüste. Männer tragen hier einen Salwar Kamiz, ein knielanges, luftiges Kleid, Frauen verstecken unter langen schwarzen Tüchern ihre farbenfrohen Kleider. Diese Provinz grenzt an Afghanistan und Pakistan. Baluchistan wurde nach der britischen Herrschaft in drei Teile aufgeteilt. Die Checkpoints mit Polizisten und Militär, wo Autos und Reisepässe kontrolliert werden, werden häufiger. Meistens winkt man uns mit einem breiten Lächeln durch. Wir sind auf dem Weg zur pakistanischen Grenze. In der letzten iranischen Stadt, Zahedan, wollen wir noch alles für die bevorstehende Eskorte durch den pakistanischen Teil von Baluchistan besorgen. Wir müssen unsere Lebensmittel- und Wasservorräte auffüllen, Geld in Pakistanische Rupien wechseln und auch tanken. Das Tanken stellt sich hier nicht mehr so einfach dar, wie vor der Lut Wüste. An den Tankstellen stehen die LKWs mehrere Kilometer Schlange, oft ist am Nachmittag der Diesel leer. Für Autos und LKWs gibt es eine maximale Ausgabemenge. Viele Menschen schmuggeln Diesel nach Pakistan, weil der dort wieder mehr kostet als hier. Zum Glück gibt es eine Tankstelle, wo Tourist*innen 100 Liter Diesel gratis tanken dürfen. Wir dürfen sogar an der drei Kilometer langen Warteschlange vorbeifahren und vor allen anderen an einer extra Tanksäule auftanken.

 
 

In Zahedan lernen wir den netten Besitzer eines Hostels kennen, der uns auf eine heiße Dusche einlädt. Das ist genau das, was wir heute noch brauchen, bevor es morgen nach Pakistan geht. Mit ihm und seiner Freundin führen wir lange und intensive Gespräche über den Sinn des Reisens und des Lebens, über Wünsche, Träume und Ziele. Der vorletzte Tag im Iran ist somit ein gelungener Abschluss eines Landes, das uns und unsere Sichtweisen langfristig beeindruckt und verändert hat. Wir wissen, dass wir von diesem großen, reichen und vielfältigen Land erst eine kleine Spitze des Eisbergs entdeckt haben und dass wir sicher wiederkommen werden. Am Tag unseres Grenzübertritts empfängt uns auf iranischer Seite Mister Hamid "King of Taftan border". Durch ihn sind wir so gastfreundlich wie wir in diesem Land empfangen wurden, auch verabschiedet worden.

 
 


Etappe 10


4230 km



 

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